Pax vobiscum,

wenn Ihr es mir gestattet, so möchte ich mich kurz vorstellen:

Mein Name ist Miroslav de Perne. Um genau zu sein Bruder Miroslav de Perne.

Heute, im Jahre des Herrn 1250, bin ich ein Ritterbruder vom „Ordo fratrum domus Sanctae Mariae Theutonicorum Ierosolimitanorum“. Für die weniger gebildeten unter Euch, also all diejenigen die kein Latein sprechen, dies bedeutet übersetzt „Orden der Brüder vom deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem“.

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1215 als Sohn eines angesehenen Handwerksmeisters in der kleinen an der Elbe gelegenen Siedlung Perne, welche zum Herrschaftsbereich des Markgrafen von Meissen Heinrich dem Erlauchten gehört.

Wie mein Name unschwer erkennen lässt, blickt meine Familie auf eine slawische Abstammung zurück. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, war doch die Gegend des oberen Elbtals, welche ich meine Heimat nenne, bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts fast ausschließlich slawisch besiedelt. Und auch wenn in den letzten einhundert Jahren zunehmend deutschsprachige Siedler und Herren in unser Land kamen, so bleibt meine Heimat doch, was die Sprache des einfachen Volkes und eben auch die bei diesem gebräuchlichen Namen betrifft, bis heute sehr stark slawisch geprägt.

Wenn es nach meiner Familie gegangen wäre, so hätte ich in die Fußstapfen meines Vaters treten sollen. Doch danach stand mir nie der Sinn! Vielmehr zog es mich schon in jungen Jahren in die Fremde. Als der deutsche Orden im Jahr 1230 vom Kaiser den Auftrag erhielt, die heidnischen Prussen, welche weit im Nordosten, jenseits der Grenze des Reiches leben, zu unterwerfen nutzte ich die Gelegenheit und ließ mich als einfacher Fußsoldat anwerben um mich dem Heer des Ordens anzuschließen welches gen Osten zog.

Unser Feldzug war, dank Gottes Segen, von großem Erfolg gekrönt. Bereits nach wenigen Jahren hatte mein Orden das Prussenland erobert und begann mit dessen Erschließung sowie mit der Bekehrung der heidnischen Bevölkerung zum christlichen Glauben. Die nächsten Jahre verbrachte ich dann überwiegend in den Burgen meines Ordens an den Grenzen des neuen Ordenslandes. Im Jahr 1236, also im Alter von 21 Jahren, legte ich dann die drei Gelübde der Besitzlosigkeit, des Gehorsams und der Ehelosigkeit ab und wurde als Sariantbruder, man nennt uns auch die Graumänmtler, endgültig in den Orden aufgenommen.

Die nächsten Jahre diente ich weiterhin meinem Orden im Kampf gegen die Heiden. Als die teuflischen Horden der Mongolen über die christlichen Völker Osteuropas herfielen entsandte auch mein Orden eine Streitmacht um ihnen entgegenzutreten. So kam es, dass ich im Jahr 1241 in der Schlacht bei Liegnitz kämpfte. Auch wenn die Schlacht mit einer schweren Niederlage für das christliche Heer endete, so hatte ich doch Glück, denn Gott hielt schützend seine Hand über mich und sorgte dafür, dass ich einer der wenigen Überlebenden auf unserer Seite an jenem Tage war. Zu den zahlreichen Toten auf unserer Seite gehörte leider auch mein langjähriger Freund und Mentor, der Ritterbruder Heinrich von Kirchberg. Für meinen Mut und meine Hingabe, mit der ich an jenem Tage focht, wurde mir die große und seltene Ehre zuteil, dass man mich nun ebenfalls in den Stand eines Ritterbruders erhob, damit ich seinen Platz in unserer Kommende einnehmen konnte.

Aber so verheerend der Mongolensturm auch war - die schwerste Zeit sollte ich erst noch erleben. Denn im Jahre des Herrn 1245 erhoben sich die eigentlich bereits unterworfenen heidnischen Prussen gegen die gottgewollte Herrschaft meines Ordens. Der Aufstand war von solch einer Heftigkeit, dass mein Orden beinahe besiegt worden wäre. Doch mit Gottes Hilfe gelang es uns, nach langen und blutigen Kämpfen den Aufstand der Prussen im Jahre des Herrn 1249 niederzuschlagen.

Aber nach den langen Jahren war ich nun des Kämpfens müde, denn meine Augen hatten zuviel des sinnlosen Blutvergießens und der Zerstörung gesehen. Konnte all dies Leid, welches wir über das Volk im Prussenland gebracht hatten, wirklich Gottes Wille gewesen sein? War es rechtens, dass wir, anstatt die Seelen der Heiden zu erlösen in dem wir sie zum wahren Glauben bekehrten, so viele von ihnen wahllos erschlugen? Konnte es wirklich Gottes Wille sein, dass unschuldige Frauen und Kinder von uns getötet wurden - ohne jemals die Möglichkeit bekommen zu haben, sich zum einzig wahren Glauben zu bekennen und so ihre Seele vor dem Fegefeuer zu bewahren? So bat ich, geplagt von Zweifeln wie ich war, um eine Entsendung in eine Kommende meines Ordens weit weg von allen Kämpfen, wo ich hoffte Ruhe, Frieden und meinen Glauben an Gott wiederzufinden.

Da ich in meinem Alter meine besten Jahre als Kämpfer bereits hinter mir hatte wurde meiner Bitte, wenn auch nach einigem Zögern durch meinen Kommtur, schließlich doch  entsprochen. So schickte man mich also in den Süden des Reiches. Hier war im Jahre des Herrn 1250 der Ritter Konrad von Horneck, zusammen mit seinen Söhnen, in den Deutschen  Orden eingetreten. Damit kam die Burg Horneck mit sämtlichen dazugehörigen Ländereien in den Besitz meines Ordens. Auf Geheiß unseres Hochmeisters Gunther von Wüllersleben sollte diese Burg nun zu einer wichtigen Kommende unseres Ordens in diesem Teil des Reiches ausgebaut werden. Meine Aufgabe sollte es von nun an sein, beim Aufbau und Schutz der neuen Kommende zu helfen.

 
So verliess ich also das Ordensland und machte mich, begleitet nur von einem dienenden Bruder meines Ordens, auf die weite Reise in den Süden des heiligen römischen Reiches.

Unterwegs, ich hatte den größten Teil der Reise bereits hinter mir und befand mich schon im Süden des Reiches, traf ich auf eine Gruppe freier Ritter, welche sich selbst als den Freyen Bund der Löwenritter bezeichneten.

Da wir für die nächsten Tage den gleichen Weg haben würden, beschloss ich, dass wir uns dieser Gruppe anschließen und ein Stück des Weges mit ihnen gemeinsam ziehen würden.

Möge Gott uns auf unserer Reise beschützen!

Ergänzende Anmerkungen

Der Vorname "Miroslav":

Mein richtiger Name Mirko ist die Abkürzung des,, aus dem slawischen stammenden,, Namen Miroslav. Wobei "Mir" übersetzt Frieden bedeutet und "Slava" Ruhm. Da die Gegend in der ich aufgewachsen bin bis 1150 rein slawisch besiedelt war und erst dann nach und nach von deutschen Siedlern erschlossen wurde bot sich ein slawischer Name an und es war naheliegend meinen eigenen zu verwenden.

Der Nachname "de Perne":

Der Nachname "de Perne" bedeutet soviel wie "von/aus Pirna". Die älteste schriftliche Erwähnung Pirnas findet sich in einem Dokument von 1233 in welchem als Zeuge ein gewisser "plebanus godeschalcus de perne" unterzeichnet. Ins heutige Deutsch übersetzt wäre das der "Priester Gottschalk aus Pirna". Der Name Perne stammt wohl ebenfalls aus dem slawischen, und zwar von "na pernem" (gesprochen: pernjem), was soviel wie "auf dem harten/festen Stein" bedeutet.

Die Heimat - das obere Elbtal:

Die Siedlung Pirna bestand zu diesem Zeitpunkt also bereits eine Weile. Die oberhalb gelegene Burg (später Festung, heute Schloß "Sonenstein") geht auf eine alte slawische Befestigungsanlage zurück, evtl. auch auf eine Kultstätte. Im Zuge der deutschen Besiedlung des Elbtals ab 1150 blühten zahlreiche bereits vorhandene Siedlungen auf und wurden erweitert, so das heutige Pirna, aber auch Orte wie Stadt Wehlen oder Königstein.

Die Siedlung Perne erhielt dann 1240 durch den Landesherrn den Markgrafen von Meissen Heinreich dem Erlauchten das Stadtrecht. Bis dahin unterstanden Burg und Stadt wohl direkt dem Markgrafen. Um 1300 entsteht in Pirna auch ein Dominikanerkloster.

Für die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts ist übrigens auch die Tätigkeit des deutschen Ordens im oberen Elbtal nachgewiesen. So war der Orden im ca. 15 Kilometer oberhalb Pirnas gelegenem Königstein seelsorgerisch aktiv, vermutlich auch in Pirna selbst (allerdings ist dies nicht hundertprozentig sicher). Hinweise auf eine militärische Präsenz des Ordens in dieser Gegend gibt es aber nicht.

Das ganze obere Elbtal (von Pirna bis zur heutigen tschechischen Grenze) geht zu Beginn des 14. Jahrhunderts dann in den Besitz des böhmischen Königs über.

Die Abstammung:

Mein Miroslav stammt aus eher einfachen Verhältnissen. Wie der Name schon zeigt, hat seine Familie offensichtlich slawische Wurzeln, was um 1200 - 1250 auf den größten Teil der Bevölkerung im oberen Elbtal zutrifft. Sein Vater ist Handwerker, er hat aber keine Lust, in dessen Fußstapfen zu treten und zieht statt dessen lieber in die Fremde (was deutliche Parallelen zu meinem richtigen Lebenslauf aufweist).

Beim deutschen Orden:

Der Deutsche Orden erhält 1230 die "Goldene Bulle von Rimini" und damit vom Kaiser Friedrich II. die Erlaubnis die im Baltikum ansässigen heidnischen Prussen bzw. Pruzzen zu unterwerfen und zu missionieren. Als "Dank" dafür darf der Orden die eroberten Gebiete behalten und dort einen eigenen Staat gründen. Mein Miroslav schließt sich, zunächst als einfacher Fußsoldat (evtl. als Söldner), dem Ordensheer an welches ins Baltikum aufbricht. 1236 tritt er endgültig in den Orden ein wo er als erfahrener Kämpfer zu den Sariantbrüdern bzw. Graumäntlern gehört. Bei den Templern oder Johannitern wäre seine Karriere damit im Grunde beendet gewesen, da ein weiterer Aufstieg nicht mehr möglich gewesen wäre. Einzig der Deutsche Orden bot im Hochmittelalter die Möglichkeit für Mitglieder, z.B. erfahrene und bewährte Sariantbrüder, nichtadeliger Abstammung in den Rang eines Ritterbruders aufzusteigen. Man schätzt, dass dies auf etwa 10 Prozent der Ritterbrüder zutraf. Weshalb gerade der Deutsche Orden diese Möglichkeit bot habe ich nicht genau herausfinden können. Ich vermute aber, dass die hohen Verluste, die der Orden bei seiner Kriegsführung an zwei Fronten gleichzeitig (neben dem Baltikum gab es ja auch noch das heilige Land!) erlitt, hier eine Lockerung der Rekrutierungsanforderungen nötig machten. Grundsätzlich bot der deutsche Orden eine gute Möglichkeit für Leute mit niederer Abstammung, um "Karriere zu machen". So waren selbst die Hochmeister, wie der bekannte Hermann von Salza oder der 1250 im Amt befindliche Gunther von Wüllersleben, nur einfach Ministeriale und hätten außerhalb des Ordens kaum eine derart mächtige Position erreichen können. 

Heinrich von Kirchberg
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